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Opferrituale der OCG

Aktualisiert: 21. Juli 2021


04.04.2020:


In diesem Video räume ich mit meiner Vergangenheit auf und beleuchte, wie und warum die OCG im Sündenbockdenken verhaftet ist. Die Notwendigkeit dieser Aufarbeitung wurde mir durch das Verhalten der OCG während der Corona-Krise klar. Über kla.tv wurde der gesellschaftliche Zusammenhalt besonders im deutschsprachigen Raum vom ersten Moment an mit bewussten Fake-News und lügnerischem Clickbait massiv torpediert, um von der Verunsicherung der Massen zu profitieren.


Ich präsentiere Auszüge aus meiner Matura-Arbeit (2019) über Sündenböcke und verwende René Girards Sündenbocktheorie als Denkrahmen, um mich kritisch mit der "OCG-Bemessung" auseinander zu setzen. Dabei wird klar, dass der Sündenbockmechanismus tief in die OCG-Geschichte verwoben ist und die OCG vermutlich auch deshalb ein fruchtbares Milieu für Verschwörungsmythen und rechtsradikales Gedankengut werden konnte.


Zuletzt stelle ich mich der Aufarbeitung meiner eigenen früheren Rolle als ältester Sohn und angedachter Erbe des OCG-Gründers, indem ich ehemalige und gegenwärtige Mitglieder um Handreichung bitte und meine private E-Mail-Adresse veröffentliche.



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Abschrift des gesprochenen Textes:


Opferrituale der OCG


Die Corona-Krise hält die Welt in Atem. Und das Erste was Verschwörungstheoretikern jetzt einfällt, ist zu behaupten, jüdische Milliardäre wie Bill Gates oder George Soros seien schuld daran. Sind das nicht mittelalterliche Reflexe in neuer Auflage? Mich erinnert dieses Verhalten so stark an meine Vergangenheit, dass ich heute mit dieser Vergangenheit aufräume.

(Titelmusik und Logo)

Strassburg, 14. Februar 1349. Eine wild entschlossene Bevölkerung schreitet zur Tat: Sie treibt tausende Juden in Holzhäuser und zündet die Holzhäuser an. Warum? Es gab angeblich stichhaltige Beweise, dass die Juden die Brunnen vergiftet und damit Corona – äh die Pest – ausgelöst hatten. Ja, eine abstruse Verschwörungstheorie, doch sie blieb nicht ohne Folgen: Unzählige Menschen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Sie mussten als Sündenböcke herhalten. Es scheint sich für Menschengruppen seit je einigend und entlastend anzufühlen, in Krisen Sündenböcke zu finden. Doch für die betroffenen Minderheiten artet es leider immer wieder zur Hölle auf Erden aus.

Der Sündenbock-Mechanismus ist kein Phänomen des Mittelalters. Ich weiss, wovon ich spreche, denn ich bin in einer neureligiösen Gruppe aufgewachsen, die ohne Sündenböcke kaum vorstellbar ist. Sie nennt sich Organische Christus Generation, kurz OCG, und ich bin der älteste Sohn ihres Gründers Ivo Sasek. 2016 verliess ich die oberste Führungsebene der OCG, weil ich nicht mehr länger verantworten konnte, was wir taten und weil meine Kritik ungehört blieb: Wir kürten über klagemauer.tv, AZK und andere Online-Formate täglich neue Sündenböcke aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur usw. Auf fragwürdigster Quellenbasis. Was, wenn unseren Worten einst Taten folgen würden? Was, wenn sich die Geschichte wiederholte? Würde die Welt nach dem Sündenbock-Opfer wirklich eine bessere sein?

In einem dramatischen Showdown stieg ich aus der OCG aus. Ich verliess ein Leben, das in vielen Dingen beneidenswert war. Ich ging staubsaugen und Kisten schleppen, drückte für sieben Semester die Schulbank und meine Maturaarbeit, die ich im Januar einreichte, befasst sich mit dem Sündenbock-Mechanismus. Sie ist unten verlinkt, aufgrund der wissenschaftlichen Vorgaben sehr trocken zu lesen, doch sie ist ein offener Bruch mit meiner Vergangenheit. Es gibt Menschen, die mich aufgrund meiner Ähnlichkeit zu meinem Vater bereits zu kennen glauben. Doch nein, ich bin nicht mein Vater. Wer mich aufgrund meiner Abstammung, meiner Nase, meiner Sprache und meines Stils bereits schubladisiert hat, ist vielleicht empfänglicher für den Sündenbockmechanismus, als er das glauben möchte.

Was hat die OCG mit Sündenböcken zu tun? Und wie betrifft das meine Vergangenheit? Darum soll es jetzt gehen.

Die OCG entstand 1999 aus einer christlichen Rehabilitationsarbeit für Drogensüchtige namens OBADJA. Vermutlich wissen das viele gar nicht, aber der Gründungsakt der OCG kann als eine Sündenbock-Opferung betrachtet werden. Meine Eltern und ihr vierköpfiges Team feuerten damals eine etwas unangepasste Leiterfamilie und andere Mitarbeitende des OBADJA öffentlich. Man beschuldigte sie, den Nervenzusammenbruch meines Vaters und die die damit verbundene Existenzkrise der OBADJA-Reha nach 1994 ausgelöst zu haben. Sie wurden geächtet und in die Wüste geschickt. Ihre jahrelangen unbezahlten Verdienste für das Projekt schienen vergessen worden zu sein.

Die Übriggebliebenen des OBADJA nannten sich danach OCG. Der berühmte Stanford-Literaturwissenschaftler René Girard würde diesen Ablauf wohl „Gründungsgewalt“ nennen. Seine Sündenbock-Forschung zeigte, dass Gruppen, die auf dem Fundament einer Sündenbock-Opferung aufgebaut werden, später oft zyklisch neue Sündenböcke brauchen, um ihre Einigung aufrechterhalten zu können. Es ist wie eine Droge. Sie brauchen Sündenbockrituale, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Und genau so kam es auch mit der OBADJA-Reha nach dem Ausschluss der Unangepassten: Sie wurde süchtig nach Sündenböcken. Mein Vater beschloss darum 1999 unbewusst, die Art und Weise, wie man das OBADJA-Team ausgestossen hatte, zu institutionalisieren. Er gründete die OCG-Bemessung. Mit folgender Erklärung: Der unbrauchbare Teil des OBADJA hatte deshalb gefeuert werden müssen, weil sie seine Lehre nicht verstanden und deshalb nicht danach gelebt hatten. Künftig sollten nun alle Mitglieder der neu gegründeten OCG vor ihrem Eintritt „bemessen“ werden, ob sie seine Bücher und Predigten richtig verstanden hätten und bereit wären, sie so in die Tat umzusetzen, wie er das beabsichtigt hatte. Wer nicht willig wäre, würde somit gleich von Anfang an ausgeschafft werden können, bevor man jahrelang vergeblich in die Ausbildung und Betreuung illoyaler Mitglieder investiert hätte. Die Bemessung, das dreitägige Aufnahmeritual in die OCG, war geboren. Sie wurde zur Eintrittskontrolle in die OCG, zu einem monatlichen Seminar, bei dem der potenzielle Widerstand künftiger Mitglieder gegen die Lehre und Weltanschauung der OCG im Ansatz unterbunden wurde und wird.

Und so läuft eine Bemessung ab. Ich wechsle dafür in die Du-Form, denn jetzt erzähle ich dir ganz persönlich von einem Teil meines Lebens, für den ich bereits als Teenager ausgebildet wurde. Ich blende dazu auch Verweise auf meine wissenschaftliche Arbeit ein, falls du dich tiefer mit dem Sündenbockmechanismus beschäftigen willst.

In einer Bemessung sitzt du 3 Tage lang mit einer Gruppe von 10 bis 40 Personen im Kreis. Zwischendurch verbringst du auch Zeiten in der „Stille“, das bedeutet isoliert in deinem Zimmer oder alleine in der Natur. In diesen 3 Tagen sollst du lernen intuitiv zu spüren, welche Taten, Worte oder gar Gedanken die Stimmung in deiner Gruppe angeblich runterziehen oder sie aufbauen. In OCG-Sprache heisst das, du lernst zu spüren, ob es „hoch“ oder „runter“ geht. Weil es dabei um Emotionen geht, die natürlich immer subjektiv sind, wird jeder Teilnehmende anfangs völlig anders empfinden und es wird Chaos geben. Das ist auch beabsichtigt so. Falls ihr eine ungewöhnlich harmonische Gruppe seid, wird die Tatsache, dass ihr keinen Kontakt zur Aussenwelt habt, Kaffee, Alkohol, Handys und jede sonstige „Ablenkung“ unerwünscht sind, zusätzlich mithelfen, dass ihr bald in eine Krise geraten werdet. Girard würde es wohl „entdifferenzierende Krise“ nennen. Von diesen Krisen wird es in den nächsten 3 Tagen zahlreiche geben, und jedes Mal wenn es wieder so weit ist, wirst du mithelfen, eine Erklärung für eure Krise zu kreieren. Woran liegt‘s?

Die Bemessungsleitung wird dir beibringen, dass es für jede Krise eine Erklärung gibt und um die Ursache eurer Krise zu finden, wirst du dich am sogenannten „aktuellen Wort“, das heisst an einem Vortrag meines Vaters, orientieren. Du wirst Zitate seiner Rede verwenden, die du davor als Aufzeichnung angehört und eifrig mitgeschrieben hast, um eine Erklärung für eure Krise zu finden. Je eifriger du das tust, desto besser für dich. Tust du es nicht, läufst du Gefahr, allmählich als Ursache für die Krise entlarvt zu werden, denn: Für jede Krise gibt es eine Erklärung. Und für jede Erklärung braucht es Schuldige. Bist du schuld an der Krise? In den Fokus rückst du nicht etwa, weil Du böse Absichten hegst, sondern weil Du „Opferzeichen“ aufweist, wie Girard das nennt. In der Sündenbockforschung gibt es mehrere Kategorien von Opferzeichen: Etwa das „Fremde“, sprich Du äusserst befremdliche Ansichten. Das scheinbar „Minderwertige“, Du bist besonders unsicher oder introvertiert oder das „Überwertige“, sprich, Du bist so sehr von Deinen Ansichten überzeugt, dass Du auf andere überheblich wirkst. Kurzum: Je unangepasster, eigensinniger und kritischer du dich verhältst, desto schneller wirst du vorverurteilt sein und desto sicherer wirst du auf dem nächsten Krisenhöhepunkt von der Gruppe als Sündenbock in die Wüste geschickt werden. Das heisst, du wirst für eine Stunde oder mehr aus der Gruppe ausgeschlossen und in „die Stille“ entlassen werden. Bei deiner Rückkehr in die Gruppe wirst du deine Charaktereigenschaft, die Schuld an der Krise war, die sogenannte „Wesensverfehlung“, auf eine Weise mitteilen, die allen „hoch“ geht.

Dieses Einknicken kann möglicherweise einen krassen emotionalen Kick verursachen, denn in 90% der Fälle fliessen hier reichlich Tränen. Kapitulierst du hingegen nicht, wirst du gefeuert und mit dem Urteil „Bemessung nicht bestanden“ entlassen werden, so wie einst die eigenwillige OBADJA-Leitungsfamilie. Die zurückbleibende Gruppe wird aufatmen, denn die Ursache der Krise konnte benannt und verbannt werden, alle werden spüren, wie es „hoch“ geht. Für kurze Zeit. Bis zur nächsten Krise, die so sicher kommt wie das Amen in der Kirche. Und dann beginnt der Ablauf wieder von vorne.

Falls du den Theorieteil meiner Arbeit liest, wird dir zusammengefasst auffallen, dass genauso wie der Gründungsakt der OCG, auch die Bemessung alle „4 Stereotype nach Girard“, das sind 4 Merkmale eines Sündenbockmechanismus, aufweist.

Wenn du die Bemessung erfolgreich bestehst, wirst du zu den „Auserwählten“ gehören und OCG-Mitglied werden dürfen. Du wirst dich möglicherweise auch akzeptiert und geschätzt fühlen. Doch täusche dich nicht: Man liebt dich nicht so, wie du tatsächlich bist sondern so, wie man dich programmierte. Falls du wieder rückfällig werden solltest, das heisst Opferzeichen aufweist, wirst du der nächste Sündenbock sein. Darum wirst du künftig in praktischen Projekten der OCG trainieren, widerstandslos mit den Weisungen der Leiterschaft „mitzufliessen“, sodass alles, was du tust, sagst und denkst das „Gesamte“ hochhebt, und du nicht mehr wie ein Anfänger in die Wüste geschickt werden musst. Es ist das erklärte Ziel der OCG, gemeinsam von diesem Anfängerstadium, dem sogenannten „Vorhof“, ins „Allerheiligste“, die Königsdisziplin, zu gelangen, wo es keine Sündenböcke innerhalb der OCG-Gemeinschaft mehr braucht. Die „Umverteilung auf Asasel“ – wie der Sündenbockmechanismus intern genannt wird – soll gemeinsam nach aussen praktiziert werden können. Die angeblich wirklich gefährlichen Böcke, die Weltverschwörer, die sogenannten „Söhne des Verderbens“, sollen rigoros von den Schafen geschieden werden. Was auch immer das einst heissen möge. Wie eingangs geschildert, geben die Online-Nachrichten der OCG auf kla.tv Hinweise über die anvisierten Opferzeichen. Gerade jetzt sind jüdische Milliardäre wieder hoch im Kurs.

Wenn du eines Tages dann in der wirklich obersten OCG-Liga ankommen solltest, wirst du vielleicht sogar eigene Bemessungen durchführen dürfen. Doch nach jeder Bemessung wirst du über deine Erfolgsquote Rechenschaft ablegen, namentlich wie es dir gelang, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wenn du dich darauf einlässt, wirst du Jahre später vielleicht einen Youtube-Clip veröffentlichen müssen, um die Fracht auf deinem Rücken zu thematisieren. Vielleicht wirst du alleine in der Wüste unterwegs sein, deinen staubigen Pfad ziehend, realisierend wie schwierig es ist, Krisen selbstverantwortlich zu meistern, statt die Schuld auf Sündenböcke zu schieben.

Aus diesem Grund wende ich mich abschliessend an dich persönlich, wenn wir uns aus meiner OCG-Zeit kennen: Es tut mir aufrichtig leid, wenn ich dich in der Vergangenheit falsch behandelt haben sollte. Bitte melde dich über die eingeblendete Mailadresse bei mir, falls zwischen uns ein offener Konflikt besteht. Ich stelle mich der Verantwortung und ich werde dir auf jeden Fall persönlich antworten.


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