Aufbruch zur Revolte

Ein Update aus unserem Leben und eine Wutrede. Zum heutigen 6-jährigen Ausstiegsjubiläum erzähle ich, wie es uns im vergangenen Jahr erging und rechne konsequent ab mit der Ideologie der OCG. Freiheit und Demokratie sind nicht selbstverständlich, es gilt für sie zu kämpfen.

29.08.2022


Wir sind hier an einem wunderbaren Ort. Wir machen gerade eine große Freiheitsreise quer durch Europa. Wir haben gestartet in der Schweiz, sind nach Österreich weiter, dann Deutschland. Haben Slowenien gemacht, Kroatien, Montenegro, Albanien. Jetzt sind wir in Griechenland, werden nachher nach Italien übersetzen und von dort wieder nach Hause in die Schweiz fahren. Wir haben auch ein bisschen auf Social Media unsere Bilder geteilt, das Ganze nicht aus einem unstillbaren Mitteilungsbedürfnis heraus sondern ein bisschen als ein Akt des Widerstands – es handelt sich hier um Bilder die es niemals hätte geben sollen.

Diese Reise ist eine Reise, die es niemals hätte geben sollen, wenn es nach dem totalitären System ginge, in dem ich aufgewachsen bin. In dem wir unser Leben verbracht haben bis zum August 2016.


Wir feiern diese Freiheit, wir zelebrieren sie, wir inszenieren sie auch, Freiheit muss gefeiert werden, Freiheit muss auch – vielleicht ein bisschen pathetisch manchmal – verteidigt werden. Denn wenn sie mal weg ist, ist sie weg.

Freiheit schätzen können wahrscheinlich am besten diejenigen, die die Unfreiheit kennen und da gehören wir dazu. Darum ist Freiheit unser ganz großes Lebensthema geworden.


Im vergangenen Jahr haben uns viele Menschen aus dem freikirchlichen- und evangelikalen Milieu kontaktiert, die sehr genau wissen jetzt, wie wir unsere Freiheit zu leben haben. Die uns gerne auch in eine neue Schublade einsortieren wollen, die uns den richtigen Glauben auch praktizieren sehen wollen und so weiter. Da muss ich halt enttäuschen. Ich sympathisiere momentan gerade sehr mit Albert Camus, der ein sensationelles Essay geschrieben hat 1950 oder 1951 mit dem Titel „Der Mensch in der Revolte“ – kann ich nur empfehlen. Und darin schildert er hervorragend aus meiner Sicht, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch aus der Welt des Heiligen heraustritt, dass er nämlich damit automatisch in die Welt der Revolte eintritt.


Und genauso geht es mir nämlich, ich habe den Eindruck, die Revolte, die Auflehnung, ist ein ganz toller Religionsersatz.

Haben wir als Europäer eigentlich längst auch durchgemacht, Französische Revolution, wir haben die Kirche und all das Zeug hinter uns gelassen. Haben den Aufstand gelernt, haben gelernt uns zu empören, uns aufzulehnen gegen Totalitäres. Das ist unsere europäische Identität und ich mache hier gerade eine Europareise, verinnerliche ein bisschen europäische Werte.


Ich möchte zunächst einfach nochmal auch ganz deutlich sagen, dass es uns hervorragend geht. Dass wir auch im vergangenen Jahr ganz tolle Entwicklungen erleben durften. In meinem Studium des Rechts an der Uni St. Gallen läuft es super zum Glück. Ich durfte einen super Job bekommen, eine unbefristete Anstellung als juristischer Mitarbeiter in einer kleinen Advokatur in Abtwil nähe St. Gallen und fühle mich absolut wohl dort.

Und Mia hat hervorragend gearbeitet, wahnsinnig geleistet in den letzten Monaten und Jahren, wird jetzt dann auch nochmal eine Weiterbildung starten ab September.

Auch dass wir diese Reise hier machen können, zeigt, dass es uns gut geht. Das wir auch die Früchte unserer Arbeit ernten. Es war viel Arbeit – wir haben sehr viel, vielleicht zu viel gearbeitet. Aber wir kompensieren das jetzt, und genießen die Freiheit, die uns gegeben ist und sind so dankbar, dass wir das machen dürfen.

Ich möchte an dieser Stelle nun zu meiner Wutrede überleiten, die sehr mit meiner Vergangenheit zu tun hat, die mit meiner Familie zu tun hat. Sie gründet auf einer Rede von Alfred Escher aus dem Jahr 1850. Ich bin über diese Rede gestolpert in meinem Studium im vergangenen Jahr. Sie hat mich elektrisiert, sie hat mich begeistert, sie hat mich vielleicht beauftragt – wie auch immer. Und ich möchte aus dieser Rede vorlesen, ich habe sie ein bisschen gekürzt, ein bisschen eingedeutscht, ich werde zum Schluss den Originalwortlaut abdrucken. Alfred Escher ist eine absolute Legende, eine freisinnige Legende der Schweiz.

Ein Gründervater unseres Bundesstaates. Bundesstaatsgründung 1848 – ganz wichtiges Datum. Ich würde sagen, wichtiger als 1291 für die Schweiz. Vorher war die Schweiz ein Armenhaus und zerstückelt, Flickenteppich. Kantönligeist. Jeder Kanton war sein eigenes Königreich, fühlte sich besser als der andere. Mit der Bundesstaatsgründung wurde die Schweiz wirklich nach vorne katapultiert. Das hat den Wohlstand und unsere Freiheit begründet, die wir heute so hochschätzen. Mir ist klar, dass man Alfred Escher als Kind seiner Zeit betrachten muss. Das es auch problematische Aspekte gibt, sein Verhältnis zur Sklaverei usw. Ich möchte das hier nicht näher ansprechen, das muss man aber unbedingt berücksichtigen. Nur finde ich, darf man nicht vernachlässigen, was dieser Mann getan hat für die Schweiz. Ein Pionier, der dafür gesorgt hat, dass wir den Anschluss an die Zukunft damals nicht verloren haben. Das Eisenbahnnetz hat er aufgebaut, er hat den Finanzplatz Schweiz in Zürich eigentlich mitbegründet, könnte man sagen. Er hat die ETH aufgezogen, er war politisch dermaßen einflussreich, dass es zum Schluss einen Putsch brauchte, um das System Escher wieder zu entfernen. Und auch das hat unglaublich befruchtend gewirkt auf die Schweiz, hat dazu beigetragen, dass wir heute weltweit einmalige direktdemokratische Instrumente haben, um die uns die Welt beneidet.

Alfred Escher hat eine Rede gehalten 1850 im April vor einer Kulisse, die eher bedrohlich war. Die Schweiz war damals umzingelt von Monarchien, von großen Mächten, die rückwärtsgewandt waren. Die möglichst die alte Ordnung, das Ancien Régime wiederherstellen wollten. Also die Ordnung vor der Französischen Revolution, weil man halt ein bisschen eine Überdosis hatte davon mit Napoleon nachher usw. Er hatte den reaktionären Kräften damals heftig die Leviten verlesen in einer Rede vor der Schweizer Bundesversammlung, die mir unglaublich gefällt, und die ich hier jetzt mal kurz wiedergeben möchte.


"Meine Damen und Herren, die Schweiz, unser Alpenland, soll der Hochaltar der Freiheit in Europa sein. Die Vorsehung hat dem Schweizer Volk in den Reihen der KämpferInnen für die Demokratie eine schöne Aufgabe erteilt. Die Aufgabe nämlich, diesen Hochaltar der Freiheit rein und unbefleckt zu erhalten. Erfüllt das Schweizer Volk diese Aufgabe gewissenhaft, so wird sich eines Tages um den hell leuchtenden Freiheitsaltar der Schweiz herum, ein europäischer Freiheitstempel erheben. Sollten sich jemals rückwärtsgewandte Kräfte mit Frevler Hand an diesem Hochaltar vergreifen wollen, das heißt der Demokratie den Untergang bereiten und die alte Ordnung wiederherstellen wollen, wird folgendes geschehen: eine Welle der Völkersolidarität wird sich erheben. Menschen, die für die heilige Sache der Volksfreiheit erglühen, werden zusammenstehen. Sie werden sich des Gefühls nicht mehr erwehren können, dass es jetzt gilt, den Fehdehandschuh aufzunehmen, dass es jetzt gilt, im Namen von Freiheit und Demokratie die Schweiz zu verteidigen und ihre Ehre wiederherzustellen. Zusammen werden sie eine unbezwingbare Macht sein".

Das, leicht zusammengefasst und eingedeutscht, die Rede von Alfred Escher aus dem April 1850.


Nun kommen wir zur Anwendung, zur Subsumption dieser Rede auf das Heute.


Ich kenne da leider jemanden, der hat mit Frevler Hand den Hochaltar der Freiheit der Schweiz befleckt. Ich kenne jemanden, dessen Worte und Taten seit Jahrzehnten einzig darauf ausgerichtet sind, das helle Leuchten des Freiheitsaltars der Schweiz zum Erlöschen zu bringen. Ich kenne jemanden, der die weltgeschichtliche Mission der Schweiz, die den Gründervätern des Bundesstaates noch leidenschaftlich vor Augen stand, aufgeben möchte.

Die Mission nämlich, eine Leuchtfackel der Freiheit und der Demokratie für die Welt zu sein.


Die Mission, ein Modell der europäischen Einigung zu sein.

Die Mission, ein Modell der Vereinigten Staaten von Europa zu sein.


Diese Mission soll preisgegeben werden. Mein Vater, mein Erzeuger, leider, ist der Mann, der unermüdlich darauf hinarbeitet, Menschen in die Diktatur aufzurufen. Diktatur sei die wahre Form. Am besten solle man sich seiner Diktatur unterwerfen. Freiheit sei ohnehin ein untaugliches Konzept – nicht kompatibel mit Gottes Schöpfung. Er behauptet, die Demokratie sei eine verschwörerische Strategie geheimer Schattenmächte gewesen, ein Taschenspielertrick, ein Betrug von verschwörerischen Mächten eingeführt zur Kontrolle der Massen. Damit hat mein Vater das Vermächtnis ganzer Generationen und großartiger Geister wie Alfred Escher, Theodor Curti, Karl Bürkli - um nur drei stellvertretend zu nennen, mit Füßen getreten und bespuckt.


Er hat den Hochaltar der Freiheit befleckt.


Escher hat gesagt, es ist die schöne Aufgabe des Schweizer Volkes, den Hochaltar rein und unbefleckt zu behalten. Ob diese Aufgabe so schön ist, sei jetzt mal dahingestellt. Aber seit dem 29. August 2016 sehe ich mich selbst auch als ein Mitadressat dieser Aufgabe.


Ich bin überzeugt, es ist jetzt die Zeit gekommen, den Fehdehandschuh aufzunehmen und mit den Mitteln des Rechtsstaates für Gerechtigkeit zu sorgen. Es kann so nicht weiter gehen.


Und zwar im Namen aller Geschädigten und Ausgebeuteten der OCG; im Namen aller Opfer der OCG, die ich auch in den letzten Jahren kennenlernen musste. Im Namen dieser jungen OCG- Aussteigerin, die unglaublich unter den Flüchen der OCG gelitten hat, die sich vor einigen Wochen das Leben genommen hat. Im Namen aller gezüchtigten Kinder der OCG. Im Namen von Freiheit und Demokratie, ist jetzt die Zeit da, für Gerechtigkeit einzustehen.


Ich möchte mich daran beteiligen – keine Sorge, ich werde keine Sekte gründen. Sollte man mit meinem Nachnamen besser bleiben lassen. Ich werde als Einzelkämpfer unterwegs sein, aber als solidarischer Einzelkämpfer und das ist es, worauf es ankommt. Ich bin überzeugt, es genügt in der Welt der Freiheit, sich als Hobby einzusetzen. Aber vereinigt mit anderen zusammen, nach Lust und Laune, so wie es das Leben führt. Kämpfen für die Freiheit, kämpfen für die Demokratie. Das ist es, was es zu tun gilt, wenn wir bestehen wollen, auch im Großen, bin ich überzeugt. Russland, China, große Weltmächte fordern unser europäisches Konzept der Freiheit heraus. Wenn wir nicht bereit sind, dafür zu kämpfen, werden wir es verlieren. Und darum sehe ich das auch in einem größeren Kontext, ich gebe hier meinen kleinen Teil dafür.


Und ich werde nicht vergessen, die Freiheit selbst zu gebrauchen. Ich werde dabei nicht vergessen, die Freiheit zu genießen, die Freiheit auszuleben, denn wenn die Freiheit nicht gebraucht wird, geht sie verloren.


In diesem Sinne wünsche ich allen eine tolle Zeit, genießt eure Freiheit – verantwortungsvoll wenn’s geht, denn nur das hat Zukunft. Und dann sehen wir uns wieder, irgendwann, irgendwo, auf irgendeine Weise.


Alles Gute.


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